Die Lektüre des Buches "Hundepsychologie" von Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie wichtig eine optimale Aufzucht des Welpen für seine spätere Entwicklung ist.
Auch ich habe schon Hunde aus dem Tierheim in jungem wie auch in fortgeschrittenen Alter geholt und habe Respekt vor jedem, der einen Hund aus ungünstigen Bedingungen rettet und ihm ein gutes Zuhause gibt. Es kommt immer darauf an, wieviel "Hundeerfahrung" man schon gesammelt hat, was man mit seinem Hund vor hat, und wie die Familienstruktur aussieht.
Allerdings lehne ich es ab, daß Hunde von dubiosen Vermehrern, auf Hundemärkten oder von "sogenannten Zuchtverbänden", die nicht dem relativ strengen Reglement des VDH unterliegen, erworben werden, da man dadurch die Nachfrage weiter steigert und Menschen, denen es zumeist mehr um den Profit als um die Gesundheit der Hunde geht, in ihrem Tun unterstützt.
Um einen möglichst ideal geprägten und gesunden Welpen - körperlich wie auch geistig, zu züchten, muß man nicht nur die idealen Eltern zusammenführen, der wichtigere Teil folgt anschließend.
Züchter in den dem VDH angeschlossenen Zuchtverbänden, werden zum einen in dieser wichtigen Phase der Aufzucht durch die regionalen Zuchtbeauftragten der jeweiligen Verbände unterstützt, zum anderen werden sie geschult und geprüft, und es werden regelmäßig Fortbildungs-Veranstaltungen angeboten, so daß jeder verantwortliche Züchter sein bestes tut, um seinen zukünftigen Welpen-Käufern einen optimal geförderten Welpen zu übergeben.
Nachfolgend für Interessierte, ein paar (von mir zusammengefaßte) Auszüge aus dem o.g. Buch von Frau Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen:
Welpenbesitzer sollten speziell auch das Thema Beisshemmung zur Kenntnis nehmen!
S. 239
Sicherlich lernen Hunde lebenslang, müssen sie sich doch ständig mit wechselnden Umweltgegebenheiten auseinandersetzen, doch es gibt ein frühes Lernen, das Besonderheiten aufweist, die dem späteren Lernen fehlen: das währnd einer bestimmten Zeit Gelernte sitzt besonders fest, wird also schwer oder kaum vergessen bzw. verändert – und beeinflusst das spätere Lernvehalten.
S. 240
In bestimmten Phasen der Entwicklung werden bestimmte Erfahrungen dauerhafter gespeichert als in anderen Entwicklungsabschnitten; sie hinterlassen aeinen dauerhafteren Eindruck als gleiche Erfahrungen zu einem anderen Zeitpunkt. In diesen bestimmten Phasen haben sogar recht geringe „Mengen“ dieser besondren Erfahrung eine wesentlich größere bleibende Wirkung auf das Verhalten als größere „Mengen“ an gleicher Erfahrung zu anderer Zeit.
Beispiel: Mit Beginnn der Sozialisierungsphase (etwa ab der 4. Lebenswoche) müssen die jetzt außerordentlich aufnahmefähigen Welpen die Regeln des Umgangs mit Soziaopartnern (Artgenosse/Mensch) lernen (Sozialisation), sich zudem an die Reize der Umwelt gewöhnen.
Versäumnisse wie Fehler seitens des Züchters/Hundehalters in sensiblen Phasen wiegen schwer; eine Entwicklung hingegen, die dem Welpen die für seine Gehirnentwicklung unverzichtbaren Lernerfahrungen bietet, bereitet diesem lebenslang die besten Anpassungsmöglichkeiten an wechselnde Lebensbedingungen.
S. 241 BEISDHEMMUNG
So sollte die viel diskutierte Beißhemmung in der Zeit von der 3. bis ca. 12. Lebenswoche gelernt werden, ganz nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung: Welpen, die im Spiel zu fest zwicken, spielen nicht mehr mit, unter Welpen wie mit dem Menschen. Da Spielen für Hunde höchst lustbetont ist, zeigt ein plötzlicher Spielabbruch beste Wirkung.
Ähnliches gilt, wenn ein beißender Welpe reaktiv selbst gebissen wird, damit er spürt, dass so etwas weh tut. Auch dieses wird er sich gut merken und künftig vermeiden.
Ein zeitlich eng platzierter Strafreiz des Menschenkumpans wirkt entsprechend. Dia Assoziation mit dem Zwicken oder dem Schnappen muß allerdings gegeben sein. Bestrafungen sollten dem nicht gebilligten Verhalten sofort folgen.
Wie diese Strafreize aussehen sollten, kann nicht verallgemeinert wrden. Sie müssen der Individualität des Welpen und den daraus resultierenden Besonderheiten angepasst sein: ein lautes Reden, ein Schreiben, verbunden mit Entfernung vom Hund, mag durchaus wirkungsvoll sein. Es gibt sicher Welpen, die davon wenig beeindruckt sind, hier wird ein knappes Touchieren der Schnauze mit dem Finger ausreichen.
Was nie geschehen darf, ist das Strafen „im menschlichen Sinne“, das Unmut, Ärger am Hund abreagiert. Ein Hund, dem Schmerzen zugefügt werden, der seinen Menschen schlagend erlebt, wird Angst entwickeln, sich verteidigen bzw. fortan schneller verteidigungsbereit sein, um sich zu schützen. Das Verhältnis Hund-Mensch hat Schaden genommen
Ein zu stoppender Welpe kann schon einmal heruntergedrückt, zur Seite geschoben, gezwickt oder auch am Nacken gepackt, jedoch NICHT herausgepickt, am Fell angehoben und geschüttelt werden.
S. 242
Die große Bedeutung früher Erfahrung kann bei Hunden für bestimmte Verhaltensrekationen im sozialen Bereich, für bestimmte Verhaltensmuster und für bestimmte Verhaltenspräferenzen im Erwachsenenalter nachgewiesen werden. … Offenbar gibt es für die Sozialisierungsfähigkeit sozial lebender Säugetiere, so der Hunde, zwei sensible Phasen (neben der Sozialisierungsphase - ab der 4. Lebenswoche - existiert noch eine prägungsähnliche Phase um den 9. Monat herum), während der bestimmte soziale Reize auf das Jungtier einwirken müssen. Fehlen sie, kommt es möglicherweise zu Problemen in der sozialen Entwicklung und damit zu späteren Problemen, sich flexibel sozial einzupassen. Und diese Entwicklungsprobleme erweisen sich in vielen Fällen als außerordentlich dauerhaft und in extremen Fällen als unumkehrbar. …
Zwei Grundvoraussetzungen für die Entwicklung eines ausgeglichenen und gut angepassten Haushundes, lauten wie folgt: Die ideale Zeit, um eine gute Sozialisation an Hunde und Menschen und eine enge Bindung des Hundes an seinen oder seine Besitzer zu erzielen, liegt in einem Alter von ca. 8 Wochen, weshalb dieses die optimale Zeit ist, um einen Welpen aus dem Wurf, von der Mutter und der Züchterfamilie zu den neuen Bindungspartnern zu nehmen.
Zehn Wochen bis 3 Monate wären denke ich, vorzuziehen, da Welpen den Familienverbandf zum sozialen Lernen u.a. sehr benötigen.
Des weiteren sollten Welpen Umstände und Bedingungen, auf die sie als Adulte treffen, vorzugsweise mit 8 Wochen und nicht später als mit 12 Wochen kennen lernen.
Resumee: S. 245
Die „normale“ frühe Entwicklung lässt sich in einem späteren Alter nur schwer nachholen. Gerade die frühe Verhaltensentwicklung eines Hundes ist deshalb für das gesamte Hundeleben von so zentraler Bedeutung, weil sie wichtige Entwicklungsschritte umfasst, die durch große Umweltoffenheit gekennzeichnet sind. Der Züchter und der Hundehalter haben es also zu einem nicht geringen Anteil in der Hand, diese Entwicklung günstig zu beeinflussen. Hier liegt die große Verantwortung beider: sie beeinflussen die Hundeentwicklung in jedem Fall nachhaltig, positiv oder negativ. Für die normale Verhaltensentwicklung gesunder Welpen für deren intellektuelle und soziale Fähigkeiten im späteren Leben zeichnet der Mensch verantwortlich als Züchter und als Hundehalter.
Ganz wichtig für die Hundeentwicklung ist ein „Lebensabschitt“ den man als „Spielalter“ bezeichnen kann, eine Zeitspanne, in der Erkunden, Neugierverhalten, (Sozial-)Spiele und Nachahmen den wesentlichen Lebensinhalt darstellen. Dieses Verhalten kennzeichnet die gesamte hundliche Jugendentwicklung (und geht über diese hinaus). Isoliert oder reizarm aufgewachsene Hunde zeigen hingegen kein oder kaum Spielverhalten, sie entwickeln durch schweren sozialen Erfahrungsentzug zwangsläufig Verhaltensstörungen, die zu einem großen Teil auf die fehlende Bindung an die Mutterhündin, die Geschwister und den Menschen, also an die hundlichen Sozialparnter, zurückzuführen sind. Denn diese geben den Welpen die nötige soziale Sicherheit für das Erkunden, das Spiel und das Nachahmen, kurz für ihre „normale“ Verhaltensentwicklung.
Ähnliche Störungen entwickeln sich bei äußerst reizarm gehaltenen Hunden (z.B. bei ausschließlicher oder überwiegender Zwingeraufzucht), die keine ausreichende Umwelterfahrung entwickeln können und deshalb nicht selten lebenslang umweltunsicher bleiben. Da unsichere Tiere schneller aus der Defensive zuzubeißen pflegen, kommt zur Tierschutzrelevanz einer reizarmen Aufzucht auch deren Gefährdungspotenzial!
Um die Zeit der Sozialisationsphase, die um die 6.-8. Woche liegen soll, tiergerecht zu nutzen, sollte möglichst viel Kontakt zu Menschen (Kinder, alte Menschen etc.) und Artgenossen gefördert sowie Expansionsmöglichkeiten für Welpen geschaffen werden, damit dieser Umweltreize, denen später angstfrei gegenet werde soll, lernen kann.